Brennnesselfaser: Vom Nesseltuch zum modernen Textil

Die Brennnessel kennen die meisten als Tee, Gemüse oder Gartenpflanze. Dass sie auch eine alte Faserpflanze ist, aus der Kleidung und Wäsche hergestellt wurden, ist weniger bekannt. Heute interessieren sich Forschung und Textilbranche wieder für sie. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie aus der Brennnessel Stoff wird, welche Rolle sie früher spielte und wo die Faser heute Verwendung findet.

Eine Faserpflanze mit langer Geschichte

Bevor sich Baumwolle in Europa durchsetzte, war die Große Brennnessel eine wichtige Faserpflanze. Aus ihren Stängeln gewann man lange, reißfeste Fasern, die zu Garn versponnen und zum sogenannten Nesseltuch verwebt wurden. Es diente etwa für Hemden und Bettwäsche. Archäologische Funde von Nesselgewebe, unter anderem aus der Bronzezeit in Dänemark, zeigen, dass die Nutzung sehr weit zurückreicht.

Mit dem Aufkommen von Baumwolle und Seide verlor die Nessel an Bedeutung. Ein kurzes Comeback gab es, wenn Baumwolle knapp war; so wird berichtet, dass im Ersten Weltkrieg in Deutschland Uniformstoffe auch aus Nessel gefertigt wurden. Als Märchenmotiv kennen Sie die Nesselhemden vielleicht aus „Die zwölf Brüder“, mehr dazu finden Sie auf unserer Seite Name und Geschichte.

So wird aus dem Stängel eine Faser

Die nutzbaren Fasern stecken in den Stängeln, nicht in den Blättern. Man spricht von Bastfasern. Sie lagen früher im verholzten Stängel eingebettet und wurden zum Beispiel durch Kochen in Lauge herausgelöst. Der holzige Rest, der dabei übrig bleibt, lässt sich nach Angaben des Spektrum-Lexikons unter anderem zur Papierherstellung verwenden.

Wichtig für Neugierige: Die Brennhaare verlieren durch Schneiden, Trocknen und Verarbeiten ihre Wirkung. Warum sie überhaupt brennen, erklärt unser Beitrag Warum brennt die Brennnessel?

Eigenschaften der Brennnesselfaser

Beschrieben werden vor allem diese Merkmale:

  • große Faserlänge und hohe Festigkeit
  • hohle, luftgefüllte Fasern, die isolierend wirken sollen
  • ein glänzender, geschmeidiger Griff, den Designerinnen und Designer hervorheben

Je nach Spinnverfahren lässt sich das Garn fester oder lockerer drehen, wodurch es sich für leichtere oder wärmere Kleidung eignen soll.

Wildnessel oder Zuchtsorte?

Für die Fasergewinnung reicht die Wildpflanze meist nicht aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Züchtung faserreicher Sorten zunächst eingestellt und erst Anfang der 1990er-Jahre wieder aufgenommen. Der Fasergehalt liegt bei diesen Zuchtformen laut Spektrum-Lexikon bei etwa 12 bis 15 Prozent, bei Wildnesseln nur bei etwa 4 bis 5 Prozent. Für das Sammeln von Teekraut spielt das keine Rolle; hier gelten weiterhin die Hinweise aus unserem Beitrag Brennnesseln sammeln und trocknen.

Wo die Faser heute eingesetzt wird

Heute spielt Nesselfaser nur eine kleine Rolle, doch das Interesse wächst. Genannt werden Mischgarne mit Baumwolle in Kleidung, etwa in Jeans, sowie Möbelstoffe. In der Forschung wird zudem geprüft, ob Nesselfasern in Verbundwerkstoffen Glasfasern ersetzen können, beispielsweise für Formteile im Fahrzeugbau. Dafür braucht es allerdings noch mehr Wissen über das Verarbeitungsverhalten der Faser.

Ein Gewinn für die Nachhaltigkeit?

Die Große Brennnessel ist heimisch, wächst unkompliziert und gilt als geeignet für Flächen mit geringem landwirtschaftlichem Ertrag. Ein Forschungsprojekt der Hochschule Bremen untersucht deshalb den Anbau auf solchen Grenzertragsflächen. Als Vorteile genannt werden unter anderem, dass die Pflanze nicht mit der Nahrungsmittelerzeugung um Flächen konkurriert und als heimische Art Lebensraum bieten kann. Ob sich der Anbau wirtschaftlich durchsetzt, ist offen. Ein Artikel zu Textilinnovationen verweist außerdem auf einen geringeren Wasser- und Pestizidbedarf im Vergleich zum Baumwollanbau.

Fazit

Die Brennnessel ist mehr als Tee und Gemüse: Sie war über lange Zeit eine Textilpflanze und wird derzeit neu erforscht. Für den Hausgebrauch bleibt die Fasergewinnung allerdings aufwendig. Wer die Pflanze nutzen möchte, ist mit Tee, Suppe oder Spinat besser beraten. Mehr zur Pflanze selbst finden Sie auf der Seite Große Brennnessel.

Quellen und weiterführende Links